Die Erkrankung SIBO/IMO
Auswirkungen auf Alltag und Psyche
Durch die unmittelbare Verbindung des Darms über den Vagusnerv zum Gehirn tritt häufig eine hohe psychische Belastung auf, die sich in Ängsten, Depressionen, Antriebslosigkeit und Erschöpfungszuständen äußern kann. Darüber hinaus können die mit der Erkrankung verbundenen Anpassungen im Essverhalten und der Verzicht in der Lebensmittelauswahl, aber auch der körperliche Leistungsabfall und die Verkomplizierung der Lebensumstände das soziale und freizügige Leben besonders erschweren.
Viele Betroffene erleben ein Gefühl, nicht richtig verstanden zu werden, das Vorherrschen von Einsamkeitsgefühlen und die Fremdbestimmtheit im Verdauungsgeschehen können das Zusammenleben mit Mitmenschen zusätzlich belasten. Der über Jahre hinweg vorherrschende Dauerzustand aus Unsicherheiten, körperlichen Symptomen, Schmerzen und chronisch niederschwelligen Entzündungen stellt eine große Belastung für das parasympathische Nervensystem dar, wodurch Stress und Erholung schlechter reguliert werden können. Je nach Ausprägung und Schweregrad ist eine intensive, meist ganzheitliche Therapie notwendig, die anstrengend und langwierig sein und sich über Monate oder Jahre hinweg erstrecken kann.
SIBO und IMO im Unterschied
Häufig sind mit SIBO und IMO Begleitdiagnosen wie eine Pilzüberwucherung SIFO (engl. Small Intestinal Fungal Overgrowth) oder eine Dysbiose im Dickdarm (LIBO: Large Intestinal Bacterial Overgrowth) assoziiert, die wiederum auch Ursache für SIBO/IMO sein können. Die Frage nach Henne oder Ei ist nicht immer eindeutig zu belegen! Die beiden Fehlbesiedlungsformen wurden vor einigen Jahren voneinander getrennt: Bei der Diagnose SIBO werden die Gase Wasserstoff oder Schwefelwasserstoff gebildet, bei der Diagnose IMO hingegen das Gas Methan, welches nicht von Bakterien produziert wird, sondern von resistenten Archaeen, ebenfalls einzelligen Lebewesen ohne Zellkern, die komplexe Abwehrmechanismen gegenüber pharmakologischen und phytotherapeutischen Wirkstoffen besitzen und nur sehr schlecht eliminiert werden können. Entsprechend der Dominanz der Fehlbesiedlungsform sind die körperlichen Ausprägungen und Symptome, aber auch die Behandlungsansätze unterschiedlich. Patient:innen, die von SIBO betroffen sind, leiden meist an (wiederkehrenden) Durchfällen, IMO-Patient:innen hingegen i.d.R. an Verstopfung, was durch die Methanbildung verursacht wird. In Abhängigkeit der vorherrschenden Gase sind Gewichtsverlust und Nährstoffmängel, aber auch Gewichtszunahme und hohe Toxin-Last möglich. Beiden Formen ist gemeinsam, dass Betroffene in schweren Fällen z. T. nicht mehr in der Lage sind, einem geregelten Alltag nachzugehen, der von stundenlangen und/oder hochfrequenten Toilettengängen bestimmt sein kann.
In vielen und v. a. hartnäckigen Fällen zeigen sich SIBO und IMO nicht isoliert, sondern sie herrschen im Rahmen einer Multisystemerkrankung vor, wobei Begleitdiagnosen wie eine Histaminintoleranz, das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS), eine Schimmelpilzbelastung, eine Hefepilz-Überwucherung (Candidose) oder ein Parasitenbefall parallel auftreten können. Ebenso können als Folge von SIBO/IMO Funktionsbeeinträchtigungen der an der Verdauung und Entgiftung beteiligten Organe wie Bauchspeicheldrüse, der Gallenblase und Leber eintreten. Die Komplexität des Erkrankungsbildes erfordert eine individuell ausgerichtete Therapie, die von qualifizierten Heilpraktiker:innen, Ärzt:innen und Coaches begleitet werden sollte.
Ursachen und Diagnostik
Die Ursachen für SIBO sind multifaktoriell und individuell zu ergründen. Darunter zählen ein Mangel an Magensäure und Verdauungsenzymen, chronischer Stress und eine Überlastung des parasympathischen Nervensystems sowie neuronale Schädigungen an den Nervenzellen des Darms infolge einer Lebensmittelvergiftung (postinfektiöses SIBO infolge Magen-Darm-Infekts). Letztere kann eine eingeschränkte Motilität des Darms durch einen gestörten Reinigungsmechanismus (sog. migrierender Motorkomplex MMC) hervorrufen, wodurch der Darm „erlahmt". Aber auch Einengungen/Adhäsionen der Dünndarmschlingen, die langfristige Einnahme von Antibiotika oder Magensäure-Blockern, eine „Fehlfunktion" der Ileozökalklappe, eine Borreliose-Infektion oder ein Schimmelpilzbefall können ursächlich sein. Einschränkungen in der Motilität des Darms und seiner Reinigungswelle stellen einen maßgeblichen Faktor für die Ausbildung von SIBO/IMO dar.
Die Diagnose, welche über Atemtests und Substratlösungen (Laktulose, Glukose oder Fruktose) diagnostiziert wird, zieht eine hohe Komplexität der Behandlung nach sich, denn einerseits müssen die ursächlich zu Grunde liegenden Auslöser adressiert, anderseits aber auch die systemischen Folgen und Begleitdiagnosen unter Kontrolle gebracht werden. Es bedarf somit eines multidisziplinären Ansatzes und die Behandlungsmethoden sind nicht vereinheitlichend auf jeden Fall zu übertragen. Aufgrund der vielfältigen Ursachen, Einflüsse und Zusammenhänge im Erkrankungsbild herrscht kein allgemein wirksames Behandlungsschema vor und der Ansatz des Beseitigens von Bakterien aus dem Dünndarm, der intuitiv zunächst naheliegend erscheint, ist nicht immer nachhaltig und zielführend. Die Beseitigung von Bakterien mit phytotherapeutischen Mitteln kann ein Ansatz sein, doch solange die zugrunde liegende Ursache der Erkrankung nicht adressiert wurde, bleibt die Rückfallrate weiterhin hoch.
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